'Neoafrikanische' Literatur

Regal mit karibischer Literatur Jahns Geschichte neoafrikanischer Literatur Widmung von Aimé Césaire an Janheinz Jahn Regal mit afroamerikanischer Literatur Autobiografie von Langston Hughes Widmung von Ralph Ellison für Janheinz Jahn

Janheinz Jahn hat von Anfang an nicht nur Literatur aus Afrika, sondern auch Werke von schwarzen Schriftstellerinnen und Schriftstellern in anderen Teilen der Welt gesammelt, die heute manchmal als Literatur der afrikanischen Diaspora bezeichnet werden, aber auch jeweils eigene literarische Traditionen bilden: Karibische Literatur, afroamerikanische Literatur oder auch enger begrenzte regionale oder nationale Literaturen wie beispielsweise Literatur aus Martinique oder Haiti.

Die von Jahn gesammelten Werke aus diesen Bereichen sind bis heute Teil der Jahn-Bibliothek, allerdings wird dieser Teil der Sammlung heute nicht mehr aktiv erweitert. Neuere Literatur von SchriftstellerInnen aus diesen Regionen ist z.B. in der Universitätsbibliothek, einzelnen Institutsbibliotheken oder auch der USA-Bibliothek zu finden.

Die seinem ursprünglichen Sammlungsprinzip zugrundeliegenden Überlegungen führte Jahn z.B. in seiner Geschichte der neoafrikanischen Lite­ratur (1966) aus. Er problematisierte zunächst die Einteilung der Literaturen nach Sprachen – ein "handliches Ordnungsprinzip", das, wie er schrieb, "bis zur Wende vom neunzehnten zum zwan­zigsten Jahrhundert" auch seine Berechtigung hatte: Literatur war demnach "National­literatur, die Nation im literarischen Sinn war mit dem Sprachgebiet identisch" (1966: 8). Im zwan­zigsten Jahrhundert emanzipierte sich dann zunächst die nord­amerikanische Literatur: Die Autoren unterwarfen sich nicht länger "dem eu­ropäi­schen Urteil", sondern entdeckten,

daß ihre Literatur eine eigene Tradition, eine 'brauchbare' Vergangenheit hatte … Erst durch diese brauchbare Vergangenheit, durch eine eigene, nicht in Eu­ropa begründete Tradition – mag sie sich von spezifischen historischen Erleb­nissen oder außereuro­päischen geistigen Überlieferungen ableiten – wird eine sich abspaltende überseeische Literatur selbständig. Und zwar auch dann, wenn sie sich weiterhin einer europäischen Sprache bedient. (Jahn 1966: 10)

Jahn argumentierte, dass auch Werke von Schriftstellerinnen und Schriftstellern aus Afrika, aber auch der afrikanischen Diaspora, sich nicht zwangsläufig nach der Sprache einteilen ließen, in der sie geschaffen wurden. Man könne, postulierte er, Literatur

nur nach dem Stil einteilen, genauer: nach den Resultaten einer phänomenologischen Stilanalyse, die dem ein­zelnen Werk seine Individualität belässt und es dann auf Grund seiner ideellen, literarischen und formalen Denk- und Ausdrucksschemata in die Kontinuität ähn­licher Strukturen eingruppiert.

Nur so könne man "die literarischen Werke in literaturwissenschaftlich relevante Gruppen ordnen" (1966: 16).

Eine dieser literaturwissenschaftlich relevanten Gruppen war nach Jahns Überzeugung – über alle Sprachgrenzen und auch über nationale bzw. regionale Grenzen hinweg, aber unter Berücksichtigung der besagten Stil- und Denk­strukturen – die sogenannte 'neoafrikanische Literatur', die einerseits 'modern' bzw. europäisch beeinflusst ist, andererseits aber auch 'afrikanische Wurzeln' bezeugt:

Die neoafrikanische Literatur ist … Erbe zweier Traditionen: der traditionell-afrika­ni­schen Literatur und der okzidentalen Literatur. Ein Werk, das keinerlei europäische Ein­flüsse aufweist, … gehört nicht zur neoafrikanischen, sondern zur traditionell-afrikanischen Literatur. … Ein Werk, in dem sich andererseits keinerlei afrikanische Topoi finden lassen, gehört nicht zur neoafrikanischen, sondern zur westlichen Literatur. (1966: 16)

Jahn (1966: 16) selbst räumte allerdings schon damals ein, dass die Unterscheidung theoretisch zwar "einfach, praktisch jedoch schwierig" sei, "denn sie setzt voraus, daß man die der Tradition Agisymbas [d.h., Schwarzafrikas] entstammenden Stil- und Denkstrukturen kennt. Das ist aber nicht der Fall".

Das Konzept einer neoafrikanischen Literatur mag aus heutiger Sicht überholt sein – Jahn selbst sprach bereits wenige Jahre später in der von ihm zusammen mit Claus Peter Dressler veröffentlichten Bibliography of Creative African Writing (1971) und dem gemeinsam mit Ulla Schild und Almut Nordmann herausgegebe­nen Who’s Who in African Literature (1972) nur mehr von afrikanischer Literatur. Es war aber die Voraussetzung für Jahns wegweisende Konzeption einer eigen­ständigen afrikanischen Literatur. Darüber hinaus hat die in dem Konzept einer neoafrikanischen Literatur bzw. Kultur ausgedrückte 'verwandtschaftliche Beziehung' zu Afrika für SchriftstellerInnen und Intellektuelle der sogenannten afrikanischen Diaspora zeitweise eine bedeutende identitätsbildende Rolle gespielt. Nicht zuletzt hat Jahn mit seiner Arbeit einen wichtigen Beitrag zur internationalen Vernetzung schwarzer SchriftstellerInnen geleistet (vgl. Jahn 1954).

 

Literaturhinweise

Jahn, Janheinz, 1954b: "Verblüffende Wirkung eines Lyrikbandes: 600 Briefe an die Neger aller Kontinente". Die Welt, 25. November.

Jahn, Janheinz, 1958: Muntu: Umrisse der neoafrikanischen Kultur. Düsseldorf: Eugen Diederichs.

Jahn, Janheinz, 1965: Die neoafrikanische Literatur: Gesamtbibliographie von den Anfängen bis zur Gegenwart. Düsseldorf: Eugen Diederichs.

Jahn, Janheinz, 1966: Geschichte der neoafrikanischen Literatur: Eine Einführung. Düsseldorf: Eugen Diederichs.

Jahn, Janheinz und Claus Peter Dressler, 1971: Bibliography of Creative African Writing. Nendeln, Liechtenstein: Kraus Reprint.

Jahn, Janheinz, Ulla Schild und Almut Nordmann, 1972: Who's Who in African Literature. Biographies, Works, Commentaries. Tübingen: Horst Erdmann.

 

© Anja Oed